Cyberpunk 2077 ist alles, was an modernen AAA-Spielen… | EarlyGame
CD Projekt Red hat ihre zuvor blitzsaubere Weste besudelt

Cyberpunk 2077 ist alles, was an modernen AAA-Spielen falsch läuft

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Alles was mit Cyberpunk falsch lief
Die Eric Andre Show ist definitiv mehr Punk als Cyberpunk 2077. (Quelle: adult swim)

Cyberpunk 2077 ist jetzt über einen Monat alt – das fühlt sich schon fast wie eine halbe Ewigkeit an. CD Projekt Reds Baby ist schnell erwachsen geworden und hat sich zum schwarzen Schaf der Familie entwickelt. Nicht, weil es das schlechteste Spiel aller Zeiten ist, sondern weil es alles zusammenfasst, was mit modernen AAA-Veröffentlichungen falsch läuft.

Denk mal über all die Dinge nach, die deine Lieblingsvideospiele, -entwickler und -publisher im letzten halben Jahrzehnt geplagt haben. Versucht dann, nichts davon in CD Projekt Red und Cyberpunk 2077 zu finden. Streng dich wirklich an. Vielleicht fällt dir sogar etwas ein, aber im Großen und Ganzen erfüllt Night City alle Kriterien.


Der Hype

Es beginnt alles mit dem Sturm vor dem Sturm. Denn was Cyberpunk 2077 betrifft, gab es nie wirklich Ruhe. Wenn man einen Titel bereits acht Jahre vor der Veröffentlichung anteased und dann vier Jahre lang aktiv an der Entwicklung arbeitet, nach einem Spiel wie The Witcher 3, was von der Kritik gefeiert wurde, sorgt man für ordentlich Hype.

Man könnte argumentieren, dass der Publisher nichts dafür kann, wie die Öffentlichkeit ihre Ankündigungen aufnimmt bzw. damit umgeht, im Falle eines bekannten Studios wie CDPR greift dieses Argument aber nicht. Marketing-Kampagnen, Teaser, Interviews, die den Titel anpreisen, sowie ein Budget von über 300 Millionen Dollar und eine Reihe von Verzögerungen werden immer zwangsläufig zu einer kaum einzuhaltenden Erwartungshaltung führen – und das wusste das Studio bereits vor acht Jahren.

Zumindest konnte man anfangs noch hoffen, dass die Verschiebungen die gröbste Enttäuschung verhindern würden. Doch auch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen.


Der Crunch

Der Begriff sollte mittlerweile gängig sein, aber für den Fall, dass du nicht weißt, was Crunch ist, erklären wir den Begriff kurz. Crunch wird die Zeit kurz vor dem Release eines Spieles genannt, in der Entwickler fast immer gezwungen sind haufenweise Überstunden zu schieben oder ganze Wochenenden durchzuarbeiten, um das Spiel rechtzeitig fertig zu bekommen. Auch wenn natürlich anderes an die Öffentlichkeit kommuniziert wird, sind die Überstunden, wenn man seinen Job behalten will, nicht freiwillig und schon viele gute Entwickler haben aufgrund von Crunch ihren Job an den Nagel gehängt.

Trotz zahlreicher Verzögerungen und einer Entwicklung, die sich über viele Jahre hinzog, war das Entwicklerteam von Cyberpunk 2077 Berichten zufolge immer wieder intensiven Crunch-Perioden ausgesetzt. Diese reichten von ein paar Überstunden die Woche bis hin zu Nachtschichten, Arbeit an Wochenenden und Sechs-Tage-Arbeitswochen.

Und all das für einen desaströsen Launch eines unfertigen Spiels.

Der Launch

2020 war ein ereignisreiches Jahr, das viele Probleme mit sich brachte. Cyberpunk 2077 wurde offiziell drei Mal verschoben, sodass es schließlich am 10. Dezember 2020 veröffentlicht wurde. Das sind acht Monate nach dem ursprünglichen angedachten Realease im April. Nach so vielen Verschiebungen, um dem Spiel den letzten Feinschliff zu verpassen, müsste es ja eigentlich perfekt werden, oder?

No Chance, fancy pants.

Stundenlange Videos mit gesammelten Bugs überschwemmten das Internet, und im Nu ballerte die Community die Cyberpunk Memes ins Netz. Das Spiel war bei der Veröffentlichung auf den Konsolen so kaputt, dass Sony gezwungen war, es aus dem PlayStation Store zu nehmen. Es gab so viele Rückerstattungsforderungen, dass Sony lieber auf CD Projekt Reds neuestes Spiel verzichten wollte. Wie sieht der Hype jetzt aus?


Die Verleugnung

Wenn man einen so "tollen" Start hinlegt, sind die Spieler zwangsläufig eher weniger glücklich. Das führt zu Beschwerden und Kritik, was wiederum zu einer von zwei Reaktionen seitens CDPRs führen kann: Man kann es auf die leichte Schulter nehmen, seine Fehler zugeben und sich aufrichtig entschuldigen, dann seinen Hintern zur Arbeit bewegen und den Schlamassel beheben, den man verursacht hat.

Oder man macht sich zum Affen, indem man soliden Argumenten ausweicht, augenfällige Wahrheiten leugnet und halbherzige Entschuldigungen präsentiert, die die Schuld auf alles andere als das Management von CD Projekt Red schieben. Wir können nicht genug betonen, dass das ganze Chaos nicht die Schuld des Entwicklerteams ist! Es ist die Schuld des Managements, die schlampiges Zeitmanagement und unangemessenen Ansprüche hatten. Wenn diese zwei Dinge zusammenkommen, wird es immer mit einem Misserfolg enden. Aber, wie man immer wieder sehen kann, sind Leute, die versagen, selten in der Lage, es zuzugeben und das CDPR-Management ist keine Ausnahme von der Regel.

Das Eingeständnis

Das Spiel ist natürlich noch lange nicht Geschichte. Wir leben in der Live-Service-Ära, in der es keine Rolle spielt, was man beim Release erhält – das, wofür du 60 Dollar bezahlt hast. Es spielt keine Rolle. Nichts davon ist wichtig. Es geht nur um die Zukunft. Eine Zukunft, in der das Spiel vielleicht in ein paar Monaten spielbar, vielleicht sogar unterhaltsam wird... vielleicht auch erst in einem Jahr oder länger (man denke nur an Anthem). Niemand weiß das wirklich.

Live Service ist für viele Spieler ein rotes Tuch in AAA-Spiele. Mehr noch als Mikrotransaktionen und man könnte eine zweistündige Tirade darüber halten, warum diese schmierige Taktik direkt zur Hölle fahren sollte.

Publisher schmeißen zum Launch einfach einen großen Haufen Mist auf den Markt, kassieren ordentlich ab und vertösten die Spieler dann mit: "Keine Sorge das Spiel ist Life Service und wird im Laufer der nächsten Jahre bestimmt besser."

Ich könnte weinen. Wer auch immer dieses Vorgehen salonfähig gemacht hat sollte sich schämen.

Wir bezweifeln nicht, dass Cyberpunk 2077 mit einem Haufen Patches besser werden wird. Ein 300 Millionen Dollar teures Spiel sollte aber nicht so auf den Markt kommen! Kündigt das Spiel gerne fünf Jahre später an oder verschiebt das Ding zur Not um ein Jahrzehnt, wenn ihr das müsst, aber kommt uns nicht mit diesem Live-Service-Blödsinn, bitte! Zeigt uns wenigstens ein wenig Respekt.


Das Urteil

Dieser Artikel zielt nicht darauf ab, Cyberpunk 2077 als Einzelfall in der Videospiel-Industrie zu verurteilen – es gibt Spieler, die Spaß daran haben (nicht auf der PlayStation lol). Der Artikel ist eine Anklage gegen das Vorgehen vieler Publisher, das Hype-Mismanagement, Crunch, schlechten Launch und Live-Service beinhaltet und uns Spielern nichts als Kummer bereitet. Wir sehen das bei fast jeder AAA-Veröffentlichung in den letzten Jahren und es entwickelt sich zu einem weiteren weithin akzeptierten Teil der Spieleindustrie.

Cyberpunk 2077 hat zumindest eines perfekt hinbekommen – alle miesen Praktiken der AAA-Spieleentwicklung auf einen Haufen zu packen, sodass wir mit dem Finger darauf zeigen und angewidert lachen können. Das einzige, was noch fehlt, sind Mikrotransaktionen.

Schon früh hatte CD Projekt Red versprochen, dass es während der Entwicklung von Cyberpunk 2077 keinen Crunch geben würde und wir haben gesehen, wie dieses Versprechen umgesetzt wurde. Es besteht also immer noch die Chance, dass das Meisterwerk der AAA-Mist-Praktiken doch noch erreicht werden kann.


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Original Artikel von EarlyGames Memelord Kiril Stoilov.